Der Alvenslebensche Familienkelch

Kelch mit PateneIm Besitz der weißen Linie der Alvensleben befindet sich ein vergoldeter silberner gotischer Abendmahlskelch mit Patene. Auf dem sechspassförmigen Fuß ist ein Kruzifixus aufgegossen. Am Nodus befinden sich zehn Nischen, abwechselnd eine breitere und eine schmälere, alle 10 mit gotischen krabbenbesetzten Kielbögen schließend. In den schmäleren Nischen steht je eine männliche Gestalt, in vier von den breiteren Nischen ein Löwe, in der 5. befindet sich ein Plättchen mit dem eingravierten Wappen der Alvensleben und den Buchstaben B. V. A. (= Bertha v. Alvensleben, wahrscheinlich die Frau von Werner I v. Alvensleben auf Gardelegen). Auf dem Schaftring dicht unter der Kuppa stehen in gotischer Schrift die Worte: hilf ghot ut. An der Unterseite des Fußes ist eine Gewichtsangabe eingekratzt. Der Kelch ist 22,3 cm hoch. Der Durchmesser des Fußes beträgt 20 cm, der Kuppa, 14,2 cm. Die Patene zeigt auf dem äußeren breiten Rand ein eingepunztes Kreuz, am inneren Rand ziseliertes Blattornament. 

Der Kelch ist eine sehr schöne Arbeit des um 1400 in Gardelegen als „Ratmann“ nachweisbaren Goldschmied Henrico Horne, der einen ähnlichen Kelch im Besitz von St. Marien in Gardelegen und einen zweiten in Kloster Neuendorf bei Gardelegen signiert hat. Ein dritter von demselben Meister befindet sich in Diesdorf (Kreis Salzwedel). Alle drei Kelche zeigen stärkste Verwandtschaft mit dem Alvensleben´schen Familienkelch. Das Neuendorfer Exemplar ist durch seine Inschrift, welche Berta v. Alvensleben, Witwe Gebhards v. Alvensleben auf Calbe (+ 1403) aud der Schwarzen Linie als Stifterin des Kelches bezeichnet, auf die Zeit bald nach 1403 datiert. Um diese Zeit dürfte auch der Alvensleben´sche Familienkelch gearbeitet sein. Dagegen ist das Plättchen mit dem Wappen in einer seiner Nischen offensichtlich erst im 17. Jahrhundert eingefügt. 

Auch der Diesdorfer Kelch ist eine Stiftung der Alvensleben. Auf seinem Fuß befinden sich die Wappen Alvensleben, Bartensleben, Jagow und Steinberg und die Inschrift: HUNC CALICEM DEDIT GODELE UXOR BORSCHERDI DE BERTENSLEBE AD CLAUSTRUM HALDENSLEBE PRO MEMORIA (= diesen Kelche schenkte Godela, die Gattin Borchards von Bartensleben, dem Kloster Haldensleben zum Gedächtnis). Demnach befand sich dieser Kelch zunächst im Kloster Haldensleben und kam erst später nach Diesdorf. Die Stammtafeln der Bartensleben weisen einen Borchard von Bartensleben aus, der eine Alvensleben zur Frau hatte. Hierbei handelt es sich - wie die Stifterinschrift ausweist - um Godele v. Alvensleben. Sie war eine Tochter Bussos IV. v. Alvensleben (+1411) auf Burg Erxleben aus der Roten Linie.

Der Sage nach soll der Alvenslebensche Kelch mit einem Drittel oder der Hälfte des Familienringes der Alvensleben vergoldet worden sein, das zweite Drittel bzw. die Hälfte des Ringes befindet sich im Besitz der schwarzen Linie der Alvensleben. Der Kelch befand sich bis 1945 in Erxleben I, konnte - wie der Ring - im Juni 1945 vor der russischen Besetzung gerettet werden und kam 1988 in den Domschatz in Paderborn, wo sich der Ring bereits seit 1946 befand. Am 13.9.2008 wurden beide Familienkleinodien aus dem "Exil" in ihr Ursprungsland zurückgeführt und dem Domschatz in Halberstadt zur Verwahrung übergeben.

Quellen:

  • Paul Pflanz: Gardelegener Goldschmiedekunst ums Jahr 1400. "Lieb' Heimatland". Monatsbeilage des Gardelegener Stadtanzeigers. 6. Jahrg., Nr. 5, Februar 1931
  • Hans Möhle: Kunstbesitz des Schlosses Erxleben I, 1934, Unveröffentlichtes Manuskript.
  • M.-L. Harksen: Die Kunstdenkmale des Kreises Haldensleben. Leipzig 1961, S. 249.
  • Eva Toepfer: Vermerk vom 5.6.1991 (über den Kelch in der Marienkirche in Gardelegen sowie über weitere Hinrich Horn zugeschriebene Kelche in Kloster Neuendorf, in der Klosterkirche Diesdorf, im Dom St. Nikolaus in Stendal und über den Alvenslebenschen Kelch – unveröffentlicht).
  • Bettina Seyderhelm: Goldschmiedekunst des Mittelalters. Eine Ausstellung der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und der Kirchlichen Stiftung Kunst- und Kulturgut in der Kirchenprovinz Sachsen 2001 und 2002. Ausstellungskatalog. S. 256-261.

  


Detail des Familienkelches: Alvenslebensches Wappen
Detail des Kelches: Alvenslebensches Wappen mit den Initialen BVA