Der spukende Mönch zu Ballenstedt 

Auf dem Oberhof in Ballenstedt lebte einst ein begüterter Edelmann, bekannt als Pferdefreund und kühner Reiter. Er hielt sich einen Stall voll edler Pferde, die weit und breit als die besten galten, und ihm über alles gingen. Durch Schicksalsschläge und wohl auch infolge seiner kostspieligen Liebhaberei verlor er nun binnen kurzer Zeit sein Hab und Gut. Er entsagte aller Weltlust und ging in ein Kloster, um Mönch zu werden. Aber er konnte seine geliebten Pferde nicht vergessen; alles Beten und Fasten vermochte nicht, ihn von dem Gedanken abzubringen, dass er die treuen, wertvollen Tiere hatte dahingeben müssen. So verlor er allen Lebensmut, wurde siech und starb darauf. Sein letzter Wunsch, dass er sein ehemaliges Lieblingsroß, einen prächtigen Schimmel, noch einmal reiten könnte, musste ihm unerfüllt bleiben. Seitdem geschah es öfter, dass auf dem Oberhofe in Ballenstedt um die Mitternachtsstunde im Pferdestalle ein Getöse sich erhob, dass die Stalltür mit lautem Krachen aufsprang, und ein Mönch, in seine Kutte gehüllt, auf schneeweißem Roß heraus ritt und durch das offene Hoftor davon sprengte. 

Quelle: Richard und Hermann Siebert: Anhalter Sagenbuch. 2. Auflage, Bernburg 1927, S.217. Nachdruck Naumburger Verlagsanstalt 2002.